Ein Architekturglück für Wiesbaden – Reinhard Ernst Museum

Ein großes Glück ist es, dass Reinhard Ernst, ein genialer Ingenieur und Unternehmensgründer im Automobilbereich, nicht dem Größenwahn anderer Technikunternehmer verfallen ist, sondern seine Liebe für abstrakte Kunst zu einer Sammlung von 960 Objekten und zur Stiftung des Reinhard Ernst Museums führte.
Ein großes Glück ist es, dass er sich auch für Tsunami Opfer in Japan engagierte, und dort, 2011 beim Bau des ‚Hauses der Hoffnung‘ in Natori, den Architekten Fumihiko Maki kennenlernte, den er 2016 für den Bau des Museums in Wiesbaden gewinnen konnte. Es wurde zu dessen Vermächtnis. Maki starb mit 95 Jahren, 2 Wochen vor der Eröffnung im Juni 2024.
Ein Glück war es dann vielleicht auch, dass die Wiesbadener durch Proteste die Bebauung des prominent gelegenen Grundstücks bis zum Bau des Reinhard Ernst Museum verhindert hatten. Zu guter Architektur führen manchmal verschlungene Wege.

Interior views. ©Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, Museum Reinhard Ernst, Photo HelbigMarburger
Für Fumihiko Maki waren Architektur und Stadt untrennbar. Auf die sehr unterschiedliche Nachbarbebauung – das Landesmuseum (1920) von Theodor Fischer, das RheinMain CongressCenter (2018) von Ferdinand Heide, ein Betonfertigteilbürohaus (1978) und eine historistische Fassadenfront – reagierte Maki mit Zurückhaltung: vier weiße Kuben, die über dem verglasten Erdgeschoss zu schweben scheinen. In Anbetracht dieses regelmäßigen Äußeren, überraschen im Inneren unterschiedlich hohe Räume, Durchblicke und die Treppen an verschiedenen Orten. Durch das mittige Atrium geht die Orientierung nie verloren. Ein Ahorn und die stählerne Skulptur ‚Buscando la luz III‘ von Eduardo Chillida bilden darin ein unterschiedliches Paar (ein weiterer Glücksfall, dass sich der begnadete Torwart Chillidas, später für die Kunst entschieden hat).

The atrium. Photo by: ©Paul-Martin Lied
Die Architektur ist so konzipiert, dass man, von der eigenen Neugier geleitet, den Weg in die Herzkammern des Museums, die Ausstellungsräume findet. Ihre Abmessungen bieten ideale Vorrausetzungen zum Betrachten der großformatigen Werke. Der Entspannung zwischen dem Kunstgenuss dienen die großzügigen Flurzonen und die Fenster zur Stadt.

Spacious hallways. ©Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, Museum Reinhard Ernst, Photo HelbigMarburger
Mit dem Reinhard Ernst Museum sind € 9700 m² Gesamtfläche und 2400 m² Ausstellungsfläche für 80 Mill € entstanden. Die Bauausführung wurde vom Frankfurter Büro Schneider Schumacher übernommen, die Tragwerksplanung von Bollinger & Grohmann.
Reinhard Ernst sieht als Vorzug der abstrakten Kunst, dass sie dem Betrachter eine Interpretationsfreiheit lässt. Nutze man den Museumsbesuch auch zu einer eigenen Sicht auf die Architektur.

Exhibition room. ©Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, Museum Reinhard Ernst, Photo HelbigMarburger