Guiding Architects, article: „Mies missing materiality“: Eine temporäre Intervention im Barcelona-Pavillon (Fig. 1)

More minimal than ever before: The intervention completely transforms the way visitors experience the pavilion. © Adrià Goula

Ich reibe mir die Augen, geblendet von seiner Erscheinung. Kneife sie zusammen, schaue nochmals. Weiß. Präzise, harmonisch, poetisch wie immer. Doch weiß. Nur weiß!

„Less is more“ haben wir doch schon vor langem gelernt. Die Reduktion auf die Essenz. Raum, Proportion, Licht. Vielleicht auch Transparenz und Konstruktion. Das alles macht die moderne Architektur aus, und Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon ist deren Ikone schlechthin.

Tausendmal habe ich ihn wohl schon gesehen, nach fünfundzwanzig Jahren Architekturführungen in Barcelona. Bei Sonne, Wind, Sturzfluten, Gewitter, Schnee, am frühen Morgen, bei brennender Mittagshitze, bei Vollmond. Und mich immer wieder aufs Neue gefreut, an diesen einmaligen Ort wiederzukehren. Der Deutsche Pavillon ist das ultimative Architekturerlebnis, unübertroffen, weltweit und seit vielen Jahrzehnten.

Guiding Architects, article: „Mies missing materiality“: Eine temporäre Intervention im Barcelona-Pavillon (Fig. 2)

Georg Kolbe’s sculpture “Alba” (Dawn) standing out powerfully against the white background. © Anna Mas

Eine neue Haut für eine erneuerte Wahrnehmung

Doch nun ist er plötzlich weiß. Das finnisch-katalanische Architektenpaar Anna und Eugeni Bach haben ihn für kurze Zeit komplett mit einer feinen weißen Haut beschichtet. Die schon auf die Essenz reduzierte Architekturikone weiter abstrahiert. Das Unmögliche weiterentwickelt. Entmaterialisiert, verfremdet, bekleidet. Womit wir beim Thema wären: Die Rolle der Oberfläche war stets eines der inhärenten Themen des Pavillons.

Guiding Architects, article: „Mies missing materiality“: Eine temporäre Intervention im Barcelona-Pavillon (Fig. 3)

The golden onyx wall almost dressed up all in white. © Adriá Goula

Wie tief dringt unsere Wahrnehmung der Architektur in deren Materialität ein? Eine Frage, die aktueller kaum sein könnte: Gibt sich die Architektur doch heute oft wieder in einer ausgemachten „Faschingslaune“ (Semper). Repräsentiert die Oberfläche die dahinter stehende Konstruktion? Vermittelt sie im Sinne Sempers genau das Gegenteil und stellt somit mehr Bekleidung denn Teil einer strukturellen Einheit dar? Oder fungiert sie gar als ein von Statik und Struktur vollends losgelöster Screen, der beliebige Werte reproduzieren kann?

Guiding Architects, article: „Mies missing materiality“: Eine temporäre Intervention im Barcelona-Pavillon (Fig. 4)

Less is more: in the process of stripping the pavilion of its materiality. © Adrià Goula

Neutralisierung der edlen Materialität

Dem neutral überzogenen Pavillon fehlt nun plötzlich die das Material abbildende Oberfläche. „Evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornaments aus dem gebrauchsgegenstande.“ (Loos) Licht und Schatten zeichnen sich präzise und wie nie gesehen ab. Feinste Unregelmäßigkeiten der akkuraten Struktur werden sichtbar. Die selbstleuchtende, transluzente Doppelwand verliert an suggestiver Kraft. Eine bloß hauchdünne Haut, welche die Wahrnehmung des Besuchers vollkommen auf den Kopf stellt.

Guiding Architects, article: „Mies missing materiality“: Eine temporäre Intervention im Barcelona-Pavillon (Fig. 5)

“Mies missing materiality” by Anna y Eugeni Bach, Barcelona Pavilion, Barcelona, Spain, 2017. © Anna Mas

Irritiert sehne ich mich zurück an die edle Materialität, fasziniert vertiefe ich mich in die neue Realität. Doch was ist hier schon real? Die nun verdeckte Urform ist ja auch nur ein Abbild des 1930 abgebrochenen Originals. White is more!

Text: Hans Geilinger vom Team GA Barcelona, das seit zwei Jahren offizieller Partner der Stiftung Mies van der Rohe ist und in deren Auftrag alle offiziellen Führungen im Barcelona-Pavillon durchführt.

http://miesbcn.com/project/mies-missing-materiality/

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https://annaeugenibach.com/